Das Wissen aus den Wiesen

Hübsch und heilsam zugleich: Der Alpenfrühling strotzt vor Bergblumen und Kräutern. Worauf gilt es beim nächsten Ausflug zu achten? Die Adelbodner Pflanzenexpertin Mirjam Allenbach weiss es.
Benjamin Haltmeier

Es scheint ein Bild für die Ewigkeit, wenn der Tau auf den gelben Alpen-Kuhschellen und dem weissen Gletscher-Hahnenfuss glitzert. Versunken in den Anblick, vergisst der Betrachter die Zeit. Doch die alpine Bergfrühlingspracht ist und bleibt ein flüchtiges, vergängliches Phänomen: Das Fenster der Blüte ist oft kurz, die Kühe wissen ebenfalls, wo leckerer Schlangenknöterich und Rot- oder Hornklee spriessen, und die jeweiligen Arten wechseln teils auch noch ihren Standort. Etwas Expertenwissen kann also nicht schaden, um die schönsten Orte zu finden.

«Es riecht nach Heimat»

Die Adelbodner Aromatherapeutin, Drogistin und Pflanzenkennerin Mirjam Allenbach hat ihre Flora-Lieblinge bereits gefunden: die Mehlprimel («‹Hasäügeni› – ich liebe die filigranen Blüten») und Feldthymian («‹Muttächölm› – nichts riecht so sehr nach Heimat»). Die Kennerin setzt diese und weitere Kostbarkeiten aus Wald und Wiese gerne selbst im Gesundheitsbereich ein, vermittelt ihr Know-how aber auch immer wieder im Rahmen von Heilpflanzen- und Kräuterspaziergängen. «Aufmerksam in der Natur unterwegs zu sein, ist sehr entschleunigend. Gleichzeitig wird jedoch Wissensdurst gestillt», erklärt Allenbach. Und dieser Durst scheint gross zu sein dieser Tage: «In unserer Zeit steigt das Bedürfnis stetig, sich mit Pflanzen und traditionellem Wissen auseinanderzusetzen. Es bietet einen guten Ausgleich zum oftmals hektischen Alltag und stärkt die eigene Gesundheitskompetenz.» 

Farbtupfer am Elsigsee. © Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg
Farbtupfer am Elsigsee. © Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg

Wege zum eigenen Zauber

Auf Allenbachs Führungen soll also der Blick für die oft übersehene Welt der botanischen Wunder geschärft werden. Was wo gerade blüht an Orten wie Sunnbüel oder Betelberg, hängt dabei von vielen Faktoren ab: Die Höhe, die Exposition, die Bewirtschaftung und der Untergrund beeinflussen, welche Pflanzen sich besonders wohlfühlen. «Auf dem Silleren kommt beispielsweise viel Schiefergestein vor, während im Gasterntal Granit vorherrscht. So hat jeder dieser Orte eine eigene Vielfalt an alpinen Pflanzen und einen ganz eigenen Zauber.» Hinzu komme, dass sich solche Hotspots jeden Frühling in einem anderen Kleid präsentieren – sei es, weil Samen mit dem Wind oder von Vögeln verbreitet werden oder sich andere Pflanzen durch ihre Wurzeln vermehren. 

Mirjam Allenbach

In unserer Zeit steigt das Bedürfnis stetig, sich mit Pflanzen und traditionellem Wissen auseinanderzusetzen.

Die Biene erntet mit

Das Blumen- und Kräutermeer mag sich bei jedem Saisonstart verändern, gleich bleibt die Möglichkeit, die heilsame Kraft der Natur zu nutzen. Gemäss Allenbach können so im Frühjahr etwa Schlüsselblumen, Huflattich und oberirdische Teile des Löwenzahns geerntet werden, während sich der (Früh-)Sommer beispielsweise für Spitz- und Breitwegerich, Frauenmantel, Schafgarbe und echtes Johanniskraut anbietet. Die Expertin erinnert jedoch daran, nur so viel wie nötig und keinesfalls geschützte oder bedrohte Arten zu sammeln. Insbesondere im Frühjahr sollten zudem viele blühende Exemplare etwa von Schlüsselblume oder Huflattich für Bienen und andere Insekten stehen gelassen werden. So kann es auch die nächsten Jahrzehnte weiter aufblühen, das flüchtige Blumenbild für die Ewigkeit.

Zeitlos schön: der Frühblüher Schneeheide. © Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg
Mirjam Allenbach bietet geführte Touren an. © zvg
Blaues Wunder: Enziane bei Schwarenbach. © Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg
Der Bergfrühling sprenkelt die Wiesen. © Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg
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Blumen-Barometer

Was spriesst wo und wann? Der Blumen-Barometer von Adelboden-Lenk-Kandersteg zeigt wöchentlich, wie weit die bunte Flora der Destination momentan an den verschiedensten Standorten ist. Die ausgewählten Hotspots reichen von der Tschentenalp bis zum Spiggengrund und von Elsigen bis zum Gasterntal. Hier geht’s zum Blumenbarometer.